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Literarischer Bilderbogen - Kai Twilfer: „Ich hab keine Macken! Das sind Special Effects“

25.11.2017

Mehr Macken als ein alter VW-Käfer
Der Autor Kai Twilfer schloss mit seiner Lesung in Wusterhausen den diesjährigen Literarischen Bilderbogen

Von Renate Zunke

WUSTERHAUSEN Der 22. Literarische Bilderbogen ist schon wieder Geschichte. Am Sonnabend endete die diesjährige Aktion der Bibliotheken des Landkreises Ostprignitz-Ruppin mit der Lesung des Autors Kai Twilfer in der Wusterhausener Gaststätte Bootshaus. Für Karin Kloke, Chefin des kreislichen Medienzentrums, die die beliebte literarische Veranstaltungsreihe 1996 aus der Taufe hob, war es die letzte in ihrer beruflichen Laufbahn. Sie wird zwar den 23. Literarischen Bilderbogen 2018 noch vorbereiten, wenn es so weit ist  aber bereits in den Reihen der Zuhörer Platz nehmen. Gemeinsam mit den Bibliothekarinnen im Landkreis hat sie die beliebte literarische Veranstaltungsreihe in 22 Jahren zu einer Erfolgsgeschichte gemacht. „Ihr ward tolle Kollegen, wir waren ein tolles Team“, bedankte sie sich nach der Lesung in Wusterhausen ausdrücklich bei den Bibliothekarinnen, auch bei denen, die inzwischen in den Ruhestand gingen. Sie verhehlte nicht, dass der Bilderbogen immer ihr Lieblingskind war und ihr schon deshalb viel Spaß gemacht habe. Und sie meinte: „Ich kann auch heute wieder viele Leute entdecken, die in 22 Jahren fast immer dabei waren. Danke für die Treue! Ihr seid ein tolles Stammpublikum.“
Eigentlich sollte der erste Literarische Bilderbogen 1996 eine Eintagsfliege sein, erinnerte sich die Leiterin des Medienzentrums. Den  Autoren-Reigen eröffnete seinerzeit in der Aula der Neustädter Schule kein geringerer als der Schriftsteller Günter Grass. Mit Akteuren unterschiedlichen Couleurs war der Bilderbogen in 22 Jahren breit gefächert. Ob ernsthaft, dramatisch, wissenschaftlich, unterhaltsam – die Literaturfreunde kamen auf ihre Kosten. Am Sonnabend konnte das Publikum jedenfalls wieder einmal viel lachen.  Nach seinem Bestseller „Schantall, tu ma die Omma winken“ nahm Kai Twilfer nun die Macken der Deutschen aufs Korn. In seinem Buch „Ich hab keine Macken! Das sind Special Effekts“ hält er in satirisch zugespitzten Geschichten seinen Landsleuten den Spiegel vor.
Seine Herkunft konnte der 1976 geborene Twilfer bei der Lesung in Wusterhausen nicht verleugnen. Der unverkennbare Ruhrpott-Slang sorgte beim lebhaften Vortrag für besondere Erheiterung im Publikum. Ob es der vorherrschende Wahn ist, beim Kauf unbedingt Schnäppchen zu machen, ganze Familien von Autobahnbrücken winken,  Jogurtdeckel immer abgeleckt werden, die Weihnachtsfeier bei seinem Onkel Bertram Ähnlichkeiten mit der von Familie Hoppenstedt aufweist, im Internet inzwischen fast alles bestellt wird, sogar heißes Wasser und Benzin - Twilfer kennt die Macken seiner Landsleute und meint: „Macken zu haben ist normal. Das gibt Sicherheit im Leben.“
Auch das Fernsehen wird auf die Schippe genommen. So kann sich Kai Twilfer einfach nicht erklären, warum die Leute beim Frühstücksfernsehen so „grausam gute Laune“ haben, wo er um diese Zeit doch noch im Bett liegt und pennt. Und er weiß: Das deutsche Fernsehen ist voll von geregelten Abläufen, die auch in Jahrtausenden nicht geändert werden. Immer Traumschiff zum Start ins neue Jahr, jeden Sonntag Tatort, für den er inzwischen das Rezept schreiben kann, und Weihnachten grüßen Aschenputtel und der kleine Lord. Twilfer verriet, dass er auch sehr melancholisch werden kann, wenn zum Beispiel die Bäckerfrau beim Brötchenkauf zu ihm sagt: „Ich tu ihnen eins mehr rein, weil sie nicht so schön aussehen.“ Resümee: Ein richtiger Deutscher hat mehr Macken als ein alter VW-Käfer, ist aber genauso liebenswert.